Zum Abschluss meines Master-Studiums in Geomatik war es mir wichtig, die Möglichkeit zu nutzen internationale Erfahrung zu sammeln, verschiedene Kulturen zu treffen und ein anderes Bildungssystem zu erfahren. Hierfür wählte ich die Aalto University in Finnland.

 

Abb4 Wappu
Gilde zur Wappu Feierlichkeit

Aalto ist eine moderne Hochschule für technische Studiengänge und gehört zu den bedeutendsten Universitäten eines Landes, das für seine hervorragende Bildungsqualität bekannt ist. Ich habe dort wichtige moderne vermessungstechnische Technologien wie Laser Scanning und Photogrammetrie in weiterführenden Kursen vertiefen können. Der Standort ist nicht direkt in Helsinki gelegen, sondern am Rand in der Stadt Espoo. Mit dem Bus ist Helsinki in 20 Minuten zu erreichen. Derzeit wird dort ebenfalls eine neue Metro gebaut, die jedoch ähnlich schleppend vorankommt, wie der Flughafen BER. Mit dieser wird die Anbindung jedoch noch besser. Ebenfalls wird ein neuer Campus innerhalb des bereits existierenden gebaut, inklusive Kaufhaus. Neben der angesehenen Universität, ist Espoo eine Stadt mit großen Arbeitsmöglichkeiten. Dieses Gebiet ist einer der größten Technologie-Standorte in den nordischen Ländern und wird deswegen als Silicon Valley Finnlands bezeichnet. Hier haben Studenten die Gelegenheit, in den Semesterferien in einem führenden europäischen Unternehmen zu arbeiten und fachspezifische Erfahrungen zu sammeln.

In Finnland angekommen bin ich im Februar, sodass noch alles voller Schnee und das gesamte Binnenmeer zugefroren war. Dieses Gefühl mehrere Kilometer über ein Wasser zu laufen ist unglaublich spannend. Die Temperaturen unterscheiden sich nicht stark von Deutschland, jedoch ist es einfach länger kalt. Von Februar bis April wird es nie wärmer als 10 Grad und es ist meist früh dunkel. Das kann auf die Stimmung drücken. Jedoch gibt es besonders in dieser Zeit Unmengen an studentischen Aktivitäten.

Gelebt habe ich direkt auf dem Campus der Universität. Das Gebiet wird Otaniemi genannt und das Dorf in dem ich wohnte, liebevoll Teekkarikylä. Dies bedeutet „Techniker Dorf“ und beschreibt es damit ganz gut. Aalto bietet an diesem Universitäts-Standort lediglich technische Studiengänge an, sodass die meisten Studenten nichts anderes als Techniker sind. Das Dorf auf dem Campus wurde ursprünglich für die Olympischen Sommerspiele 1952 vom bekanntesten Architekten Alvar Aalto entworfen (dem zu Ehren auch die Universität ernannt wurde) und erbaut, um danach in eine Agglomeration von Studentenwohnheime umgestaltet. Somit ist es ein Dorf, welches lediglich von Studenten bewohnt wird. Dementsprechend ist hier auch immer etwas los. Es gibt sogar eine inoffizielle Abmachung mit der Polizei, dass dieses Gebiet eine Ausnahme im Umkreis Helsinki darstellt. Somit gibt es hier keine polizeiliche Präsenz, da Unstimmigkeiten meist unter den Studenten selbst geregelt werden können.

Einen Wohnplatz an diesem Ort zu erhalten, ist nicht einfach. Es besteht eine monatelange Warteliste. Ich habe mich etwa vier Monate zuvor bereits beim Studierendenwerk AYY beworben und glücklicherweise einen Platz bekommen. Fängt man jedoch nicht wie ich im Frühlingssemester, sondern im Wintersemester an, sollte auf Grund der vermehrten Erstsemester ein längerer Zeitraum eingeplant werden. Die Internetseite des Studierendenwerks ist jedoch sehr transparent gestaltet, sodass stets ersichtlich ist, welches die aktuelle Platzierung auf der Warteliste für welches Zimmer ist. Richtig, es werden nicht nur die Häuser angezeigt, sondern gleich die einzelnen Zimmerplatzierungen. Dieses System ist bei Weitem das fortschrittlichste, das ich bisher gesehen habe. Und ich habe mich bereits bei einigen Studierendenwerken unterschiedlicher deutscher Städte beworben.

Auf dem Gelände des Studentendorfes befinden sich natürlich mehrere Lokationen für Partys, gemeinschaftliche Aktivitäten und Sauna-Abende. Das Saunieren ist tief verankert in der finnischen Kultur. Jeden Abend gibt es offene kostenlose Saunas in einem der vielzähligen Wohnheime, teilweise getrennt nach Geschlecht, teilweise auch gemeinschaftlich. Jede finnische Party war nicht erfolgreich, wenn es keine Afterparty in einer Sauna gab. Meist handelte es sich dabei um eine große Sauna mit Hot Tub, die am Ufer gelegen ist. Durch die direkte Nachbarschaft zum Binnenmeer, bietet sich auch stets die Möglichkeit des Eisbadens im Winter an. Auch im Sommer ist das Wasser stets kalt genug um eine ordentliche Abkühlung zu bekommen. Im Anschluss wird sich meist in den Hot Tub gezwängt, bevor der nächste Saunagang ansteht.

Abb2 Studentendorf
Grillplatz im Studentendorf
Abb3 Overalls
Studentenoverall und Feierlichkeiten zum 1. Mai

Auf Grund der unzähligen Events im Studentendorf, bin ich während des Semesters selten nach Helsinki selbst gegangen. Die Stadt ist auch einfach viel zu teuer, sodass dies eine sehr willkommene Überraschung für mich war, wie günstig es sich auf dem Campus selbst leben lässt. Ein Essen in einer der unzähligen Mensen kostet stets lediglich 2,60€ und beinhaltet eine Hauptspeise, Salat von der Selbstbedienung, mehrere Brote und zwei Getränke. Und das Essen ist durchschnittlich gesehen das Beste, dass ich je in einer Mensa gesehen habe. Auch die Getränke an studentischen Veranstaltungen sind deutlich günstiger als erwartet, da die studentischen Organisationen Spenden erhalten und stets von freiwilliger Arbeit der eigenen Mitglieder getragen werden.

Die finnische Studentenkultur ist etwas Besonderes in Europa. Studenten tragen Overalls, die ihrer Fachschaft entsprechend, in Finnland Gilde genannt, gefärbt sind. Diese werden zu jeder Möglichkeit stolz getragen. Das hat nicht nur den Vorteil, dass direkt erkennbar ist, welcher Studienrichtung eine Person angehört. Ebenfalls muss sich keiner Sorgen um seine Klamotten machen. Die Overalls sind Schmutzfest und halten jedem Winter Stand. Auch ist es verboten, seinen Overall zu waschen, es sei denn man hat ihn währenddessen an und springt in ein offenes Gewässer. Die Overalls selbst werden von jedem individuell gestaltet. Ein großes Geschäft sind hierbei Patches, welche auf die Anzüge genäht werden. Jene werden an Studentenfesten gesammelt, gekauft oder eingetauscht. Ich habe in meiner kurzen Zeit von sechs Monaten bereits unzählige Patches gesammelt und angenäht, da sich dadurch auch das Ansehen bei den Finnen hebt.

Weiterhin können finnische Stundenten nach ihren ersten Semestern eine Mütze erwerben, die sogenannte Teekkari-Cap. Um die Erlaubnis zu erhalten, diese zu tragen, müssen Erstsemester besondere Aufgaben erfüllen. Diese beinhalten zum Beispiel freiwillige Arbeitsleistungen an Studentenevents, den Gesangstest der stolzen Hymne der Technikstudenten zu absolvieren, ein ERASMUS-Event besuchen oder einfach eine Minute im Eiswasser aushalten. Wenn eine gewisse Punktzahl erreicht wurde, dürfen sie die Mütze vom wichtigsten studentischen Fest am ersten Mai, dem sogenannten Wappu, bis zum Wintersemester im Oktober tragen. Wenn die Mütze außerhalb dieser Zeit getragen wird, sind Bestrafungen zu erwarten, bis hin zum Entzug der Lizenz die Mütze jemals wieder tragen zu dürfen. Die Mütze ist ein wichtiges Symbol der finnischen Schüler und Studenten. An Wappu trägt diese jeder, der eine besitzt. Egal ob im Rentenalter oder als Familie, jeder ist stolz die Mütze den Sommer über wieder tragen zu dürfen. Am ersten Mai kommen alle zu Wappu an einem Hügel in Helsinki zusammen, um das Studentensein bei einem Picknick zu feiern, selbst wenn es bereits seit Jahren vorbei ist.

Das Studium an der Aalto Universität selbst erschien mir deutlich strukturierter als in Deutschland. Das finnische Schul- und Studiensystem baut stark auf wöchentliche Abgaben, Vorträge und Gruppenarbeiten auf. In Deutschland hatte ich in meinem Studiengang meist lediglich ein paar wenige Übungen, die am Ende des Semesters mit einer Klausur abgeschlossen werden. In Finnland müssen das gesamte Semester über Abgaben absolviert werden, sodass das Erlernte besser im Gedächtnis bleibt. Jedoch waren die Übungen meist theoretischer Natur, was mir persönlich etwas missfallen hat. Besonders im Bereich der geodätischen Messtechnik sind praktische Außenübungen unerlässlich. Ein weiterer Unterschied im finnischen Studiensystem ist die Einteilung des Semesters in Perioden. Das Wintersemester besteht aus zwei, das Frühlingssemester aus drei Perioden. Es werden nicht so wie in Deutschland mehrere unterschiedliche Module über das gesamte Semester hin gelehrt, sondern lediglich ein bis drei pro Periode, die innerhalb dieser mit einer Prüfung abgeschlossen werden. Somit kann sich auf diese wenige Themen voll konzentriert werden, was meiner Meinung nach nachträglicher ist. Ebenfalls ermöglichte mir gerade dieses System überhaupt erst den Auslandsaufenthalt, da ich im Februar noch Klausuren in Deutschland hatte, das Semester in Finnland jedoch bereits im Januar begann. Somit habe ich lediglich die erste Periode übersprungen, um dann im Februar in der zweiten Periode mit den Modulen ohne Wissensrückstand durchstarten zu können.

Abb5 Cottage Trip
Ausblick aus der Sommerhütte

Finnland selbst ist für mich als Schnee begeisterten Menschen eines der schönsten Länder der Welt. Es gibt hier so viel unberührte Natur und Spektakel zu erkunden. Die beste Möglichkeit hierfür bietet ein Wochenendtrip in ein Cottage. Diese sogenannten Sommerhütten, die nahezu jede finnische Familie besitzt, ermöglichen eine Pause vom Großstadtleben zu nehmen. Die Gelegenheit dazu ist ganzjährig einladend, da im Winter das Eisloch nach einer typischen finnischen Sauna ruft, während der Sommer durch die dauerhafte Helligkeit eine unvergleichbare Atmosphäre schafft. Besonders am Ort unseres Cottage weiter oben im Norden, wurde es nie so richtig dunkel. Das angefügte Bild wurde um Mitternacht aufgenommen.

Dies waren nur einige wenige Beispiele der herausragenden Erfahrungen, die man nur in der finnischen Natur und einem Dorf voller Studenten und Traditionen machen kann. Zusammenfassend bin ich stolz darauf, den hohen Bildungsstandard und den finnischen Lebensstil durch das Studium an der Aalto University erlebt haben zu dürfen.