Seit Beginn meines Studiums an der Leibniz Universität Hannover wollte ich gerne ein Semester im Ausland verbringen, allerdings hat es nie gut in den Studienplan gepasst und ich habe mich auch nicht wirklich getraut es durchzuziehen. Plötzlich war ich im zweiten Mastersemester und immer noch nicht im Ausland gewesen, es wurde also mal Zeit! Das vierte Mastersemester bot sich außerdem gut an, da hier keine Kurse sondern nur die Masterarbeit eingeplant ist.

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Das Baudenkmal wird tachymetrisch aufgenommen

Ich hatte keine Präferenzen in welcher Stadt ich gerne mein Auslandssemester verbringen wollte. Wichtiger war mir, dass die Vorlesungen auf Englisch gehalten wurden und auch meinen Interessen (Geoinformatik, Photogrammetrie) entsprachen. Außerdem wollte ich in Europa bleiben, wodurch sich das ERASMUS-Programm angeboten hat. Da die Universidad Politécnica de Valencia (UPV) überraschenderweise die einzige Partner-Universität war, die alle Kriterien erfüllte, entschied ich mich recht zügig für diese. Die Bewerbung lief problemlos und Ende Oktober stand fest, dass ich ab Februar für fünf Monate in Valencia studiere.

 

Mein Zimmer fand ich im Voraus auf Facebook. In diversen Erasmus-Gruppen wurden eine Vielzahl von Zimmern angeboten. Ich entschied mich für ein Zimmer, bei dem die Tochter des Vermieters, die auch noch studierte, auch in der Wohnung wohnte. Neben ihr wohnten noch zwei weitere Erasmus-Studentinnen in der WG, beide Italienerinnen, mit denen ich sowohl Englisch als auch Spanisch sprechen konnte. Mein Zimmer war zwar recht klein, doch ich war super zufrieden: nette Mitbewohnerinnen, Heizung im Zimmer (ja, im Februar war es noch recht kalt), Klimaanlage im Wohnzimmer und eine, meiner Meinung nach, super Lage zwischen Uni, Stadt und Strand. Innerhalb von 10-20 Minuten konnte ich mit dem Fahrrad alles erreichen.

Die Universität besteht aus einem riesigen Campus mit Cafeterien, Mensen, Schwimmbad, Sporthallen, Bankautomaten, natürlich einer Bibliothek, aber auch einer Buchhandlungen und einem Frisör und mittendrin ganz viel Wiese, Bänke und Palmen. Das richtige Gebäude zu finden ist da gar nicht so einfach, aber meine Mentorin, die ich lustigerweise auch schon vom IGSM kannte, hat mich an meinem ersten Tag in Valencia dort herumgeführt.

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Paella Valenciana
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Plaza de la Reina mit Kathedrale

Ich habe drei Masterkurse belegt: “Environmental Cartographic Models”, “GIS Application Development” und “Architectural Heritage Documentation”. Alle drei waren ziemlich anwendungsbezogen, was mir gut gefallen hat. Nach einer zweistündigen Vorlesung wurden die Vorlesungsinhalte in einer ebenfalls zweistündigen Übung praktisch angewandt. So haben wir in “Environmental Cartographic Models” mit Hilfe verschiedener Software Wassereinzugsgebiete aus Digitalen Geländemodellen abgeleitet, in “GIS Application Development” wurden eigene Applikationen für ArcGIS und QGIS mit arcpy und pyQGIS entwickelt. Für “Architectural Heritage Documentation” wurde ein ‘Baudenkmal’ auf dem Campus photogrammetrisch und mit dem Laserscanner aufgenommen, um daraus ein 3D-Modell zu erstellen. In Valencia scheint eigentlich meistens die Sonne, aber genau an dem Tag, an dem wir das Denkmal scannen wollten, hat es geregnet, sodass wir (und vor allem der Laserscanner) unter Dachüberständen Schutz suchen und von dort aus messen mussten. Die Professoren waren größtenteils sehr nett und haben bei Fragen gerne geholfen, auch wenn es zu Beginn teilweise Verständnisschwierigkeiten gab. Anders als in Deutschland wird die Note nicht mit einer Prüfung am Ende des Semesters ermittelt, sondern setzt sich aus mehreren Teilen zusammen: es gab eine Prüfung in der Mitte des Semesters und eine am Ende und zusätzlich Übungen und Projekte, die auch benotet wurden.

Nach der Uni hatte ich ausreichend Zeit, die Sonne in Valencia zu genießen. Am besten ging das natürlich am riesigen Strand und im warmen Meer. Gerne war ich auch im Turia-Park, der sich einmal durch die Stadt schlängelt und an dessen Ende sich die Ciudad de las Artes y las Ciencias befindet. Hier fanden einige Veranstaltungen statt, z.B. Konzerte von Studenten des Berklee College of Music. Aber nicht nur dort, sondern überall in der Stadt war fast jedes Wochenende irgendwas los, denn die Valencianer lieben es zu feiern. Das größte Fest fand direkt zu Beginn meines Erasmus-Semesters im März statt: die Fallas! Ein sehr lautes, buntes und verrücktes Fest, das schwer zu beschreiben ist und sich über drei Wochen zieht. Vor dem letzten Wochenende werden riesige Figuren, die auch Fallas genannt werden, aufgebaut, um Sonntagnacht verbrannt zu werden, was das Ende der Fallas markiert. Vorher gibt es aber noch ganz viel Rahmenprogramm, wie Feuerwerke, Umzüge, Straßenpartys und spektakuläre Lichtershows. Nicht zu vergessen die “Mascletás”, die ab Beginn der Fallas Ende Februar jeden Tag um 12:00 auf dem Hauptplatz in der Stadt stattfinden und zu denen sich jedes Mal tausende Menschen versammeln. Bei einer Mascletá werden kontrolliert und rhythmisch sehr viele, sehr laute Böller gezündet. Als ich das erste Mal dabei war, habe ich es nur als Krach und viel zu laut empfunden und wollte mir das nicht nochmal antun, aber man kommt einfach nicht dran vorbei (vor allem da sie zum Schluss in jeder Straße stattfinden) und irgendwann habe ich doch etwas Gefallen dabei gefunden mir die Mascletás anzusehen, bzw. anzuhören. Auch die Kinder zünden den ganzen Tag Böller, was mich das ein oder andere Mal zusammenzucken hat lassen. Insgesamt also nichts für schreckhafte Leute, aber für alle anderen ein unglaubliches Erlebnis

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Albuferg bei Sonnenuntergang

 

An den Wochenenden hatte ich genug Zeit, um die tolle Natur außerhalb Valencias zu erkunden, meistens mit einer der vielen Erasmus-Organisationen, die es in Valencia gibt. In den Osterferien habe ich außerdem mit einer Freundin Andalusien besichtigt und am Ende des Semesters den Nordosten Spaniens und dabei die lokalen Spezialitäten probiert. Auch Valencia hat seine eigenen Spezialitäten. Neben Orangen und Paella, die ursprünglich aus Valencia stammt und Bohnen, Hühnchen- und Kaninchenfleisch und teilweise Schnecken (Ich habe eine probiert!) enthält, wird an jeder Ecke Horchata, oder auf Valencianisch Orxata, angeboten. Horchata ist ein eisgekühltes Getränk aus Erdmandeln, was gut gegen einen Kater sein soll, aber meiner Meinung nach sehr gewöhnungsbedürftig schmeckt.

Insgesamt habe ich ein tolles Semester im sonnigen Valencia verbracht, viel gelernt und viele neue Leute aus aller Welt kennengelernt.