Für mich stand schon immer fest, dass ich während meines Studiums Zeit im Ausland verbringen möchte. Da kam es ganz gelegen, dass ich nach dem Ende des siebten Semesters an der INSA Strasbourg und dem Beginn meines Masterstudiums am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Zeit zur Verfügung hatte, die ich in Form eines Praktikums nutzen wollte.

Christusstatue
Christusstatue

Speziell interessierten mich die Länder Südamerikas. Über Prof. Dr. Hinz, Institut für Photogrammetrie und Fernerkundung am KIT, kam der Kontakt zu Prof. Dr. Feitosa, Leiter des Laboratório de Visão Computacional (LVC) an der Pontifícia Universidade Católica do Rio de Janeiro zustande. Es sollte für mich also für zwei Monate nach Rio de Janeiro, Brasilien gehen.

Am Abreisetag war ich ziemlich nervös. Schließlich flog ich alleine in ein Land, dessen Sprache ich nicht beherrschte. Die Nervosität war aber schnell verflogen. Ich wurde am Flughafen von einem Doktoranden und WG-Mitbewohner abgeholt. Wir fuhren zu meinem späteren Arbeitsplatz und ich lernte den Gastprofessor, die Mitarbeiter und Doktoranden kennen.   

Während der zwei Monate wohnte ich in einer von Prof. Dr. Feitosa vermittelten Vierer-WG mit zwei seiner Doktoranden, Hugo und Pedro, und der Masterstudentin Martha im Stadtteil Copacabana, etwa zehn Minuten vom Strand entfernt.

Während meines Praktikums beschäftigte ich mich mit folgenden Aufgabenfeldern:

  • Feldfruchterkennung an multitemporalen SAR-Bildern
  • Klassifizierung mit dem Random Forest-Verfahren
  • Training von Autoencodern
  • in Verbindung mit Programmierungen in Python und Matlab.

Die Feldfruchterkennung mit Hilfe von multitemporalen Radarbildern (hier Verwendung von sog. SAR-Aufnahmen) dient u.a. einer Vorhersage von Ernteerträgen und damit auch dem Ziel einer besseren Bewertung von Nahrungsmittelproduktionen, um letztendlich belastbare Aussagen ableiten zu können. Präzise und aktuelle Informationen über die Verteilung, Zusammensetzung und Änderung von Vegetationsarten ist die Basis für viele Anwendungen. Vorzugweise werden für solche Untersuchungen die SAR-Bilder genutzt, dennoch gibt es Anbaukulturen, die sehr ähnliche Reflexionscharakteristiken innerhalb derselben Vegetationsperiode aufweisen, was in diesen Fällen die Klassifikation von Landnutzungen deutlich erschwert. Wenn man die SAR-Daten nun mit optischem Datenmaterial fusioniert, kann man daraus das pflanzenspezifische Verhalten belastbar bewerten.

Escadaria Selaron
Escadaria Selaron
Zuckerhut
Blick auf den Zuckerhut

Das Projektvorhaben in Rio ermöglicht mit dem Einsatz des statistisch-mathematischen „Random Forest-Ansatzes “ eine Klassifikation von Feldfruchtkulturen unter Verwendung von multitemporalen Aufnahmesequenzen, und dies unter Berücksichtigung der zeitlichen Zusammenhänge der Phänologie (befasst sich mit den im Jahresablauf periodisch wiederkehrenden Entwicklungserscheinungen).

Für die Untersuchungen standen zwei Datensätze zur Verfügung. Der erste Datensatz umfasste neun Landsat-Aufnahmen der Region Ipuã im Bundesstaat São Paulo für den Zeitraum August 2000 bis Juli 2001, der zweite Datensatz enthält 14 SAR-Aufnahmen des Sentinel-1 Satelliten von Oktober 2015 bis Juli 2016, die die Region Campo Verde abdecken.

Um die Datensätze bestmöglich zu klassifizieren, wurden drei verschiedene Lösungsansätze gewählt, die im Anschluss verglichen wurden. Die bis jetzt erzielten Ergebnisse der in Rio laufenden Untersuchungen lassen erwarten, dass das Monitoring-Potential landwirtschaftlicher Flächen noch lange nicht ausgeschöpft ist. Dabei werden die verschiedenen Fernerkundungsverfahren in Verbindung mit einer Nutzung von multitemporalen Satellitendaten künftig eine bedeutsame Rolle einnehmen.

Außerhalb des Praktikums habe ich natürlich die Zeit genutzt, um mir die Stadt anzuschauen und die Kultur kennenzulernen. Rio de Janeiro hat da einiges zu bieten. Ich besuchte den Zuckerhut und sah mir die Christusstatue an. Ein Stadtteil von Rio hat mir besonders gut gefallen, das war Santa Teresa. Das ist ein auf einem Hügel gelegenes Künstlerviertel. Dort gib es zahlreiche kleine Ateliers und Galerien, Museen, Bars und Restaurants. Bekannt ist dieser Stadtteil auch für seine gelbe Straßenbahn, die man „Bonde“ nennt. Sie verbindet Santa Teresa mit dem angrenzenden Viertel Lapa. Dort befinden sich u.a. die „Bögen von Lapa“ (Arcos da Lapa), die früher als Aquädukte dienten. Außerdem gibt es dort noch die Escadaria Selarón, die berühmte bunte Treppe, sowie das Städtische Theater (Theatro Municipal) im Viertel Cinelândia.

Natürlich habe ich auch etwas Zeit an den wunderschönen Stränden Rios verbracht. Bei einer Temperatur von ca. 35°C war dies auch sehr angenehm. Ich ging zu den Stränden von Copacabana, Ipanema oder Leblon.

Am Wochenende hatte ich außerdem Zeit, mir das Umland ein wenig anzusehen. An einem Tag unternahm ich zusammen mit einer Freundin einen Tagesausflug zur Ilha Grande. Das ist eine sehr bekannte Insel, die im Westen des Bundesstaates Rio de Janeiro liegt, etwa zwei Stunden Autofahrt entfernt. Wir machten dort eine Bootstour, bei der man auch die Gelegenheit hatte, zu schnorcheln.

Sambodromo
Verena Simon im Sambodromo

 


Da ich im Februar in Rio de Janeiro war, konnte ich die Stadt auch im Karnevalsrausch erleben. Beim Karneval treten die Escolas de Samba, die Sambaschulen gegeneinander an. Die Kampfarena der Karnevalisten ist das Sambódromo. Das ist nicht – wie ein Stadion – rund, sondern längs gebaut, aber mit den obligatorischen Tribünen, von denen unentwegt die Fangesänge schallen. Jede Sambaschule hat maximal 82 Minuten für ihren Durchmarsch durch das Sambódromo, auch für weniger als 65 Minuten gibt es einen Punkteabzug. Bewertet werden unter anderem Kostüme, die Harmonie innerhalb einer Paradegruppe, die Leistung der Musiker- und Tänzergruppen, der Einfallsreichtum und vor allem die Show. Der Karneval in Rio ist faszinierend, rundum unglaublich schön. Eine Erfahrung, die man einmal im Leben gemacht haben sollte!

Mir hat das Auslandspraktikum sehr gut gefallen und hätte ich die Möglichkeit, würde ich alles genauso wieder machen.

Verena Simon