»Mailand oder Madrid - Hauptsache Italien« - im Gegensatz zum Fußballspieler Andreas Möller mit seinem angeblichen Zitat kann ich nach meinem Auslandssemester mit ziemlicher Sicherheit sagen, Madrid liegt innerhalb der politischen Grenzen Spaniens.

 

Innenhof des Palastes
Innenhof des Palastes

Und das sogar relativ zentral, denn nur zehn Kilometer südlich befindet sich der Cerro de los Ángeles, zu Deutsch Hügel der Engel und markiert seit 1919 den geografischen Mittelpunkt der iberischen Halbinsel. So war jeder Gedanke „mal kurz ins Meer springen“ in jede Himmelsrichtung mindestens vier Autofahrstunden entfernt.

 

Meine Motivation, kurz vor meiner Abschlussarbeit des Studienganges „Geoinformation und Kommunaltechnik B. Eng.“ der Frankfurt University of Applied Sciences noch einmal das Land zu verlassen, ergab sich aus dem Erlebnis einer Backpacker-Reise durch Panama und Costa Rica. Wieder in Deutschland schwelgte ich in Erinnerungen, welches mich am Ende dazu brachte jetzt die Gelegenheit zu nutzen und noch im Studium weitere Auslandserfahrungen zu sammeln - denn wer weiß schon, wann eine solche Chance einem noch einmal begegnet.

 

Wie schon angedeutet fiel meine Entscheidung auf die, mit knapp 670 m ü. M., höchstgelegene Hauptstadt der Europäischen Union. Ich lernte Madrid in den vergangenen Monaten als eine schöne und abwechslungsreiche Stadt kennen. Im Vergleich zu Paris und dessen Eifelturm beispielsweise, ist sie nicht bekannt für eine herausragende Sehenswürdigkeit, aber wie es sich für eine 3 Mio. Stadt gehört, bietet sie mehr als man denkt. Es ist die Vielzahl an Kleinigkeiten, die Madrid ausmacht. Die Madrileños sind offenherzig und freundlich, das Wetter ist fast immer gut und man findet kaum eine Straße, auf der keine Menschen entlang schlendern, sich die Schaufenster kleiner Läden ansehen oder vor der Tür eines Cafés laut vor sich hin plaudern. In Madrid lebt es sich einfach und sehr gerne ohne Zeitgefühl. Eine angenehme Lebensweise, in der die letzten fünf Monate wie im Fluge vergangen sind.

Workshop
Workshop
Cuenca
Cuenca

Im Fachbereich Topografía, Geodesía y Cartografía der Universidad Politécnica de Madrid besuchte ich drei fachbezogene sowie zwei fremdsprachenbezogene Module. Auch über die Vorlesungen hinaus wird dem Student die Möglichkeit zur Weiterbildung geboten. So nahm auch ich diese in Anspruch und fand am schwarzen Brett eine interessante Ausschreibung zur Teilnahme an einem internationalen Workshop namens „Project planning and management in the documentation of cultural heritage”. Es stellte sich heraus, dass diese Veranstaltung im Rahmen einer Kooperation zwischen meiner Gasthochschule und der HafenCity University Hamburg organisiert wurde. Dafür reisten die deutschen Studenten in zwei Kleinbussen samt benötigten Vermessungsgeräten und sonstiger Hardware an. Nun erwartete mich ein fünftägiger Einsatz in einer 200 km südwestlich von Madrid gelegenen, hügeligen Region.

 

Es galt ein Kulturerbe, in Form einer Ruine mit verschiedenen Sensoren zu erfassen. Am ersten Tag zeigte uns ein Archäologe die Gegend um El Puente del Arzobispo, die berühmt für ihre handgemachte Keramik ist. Nachdem uns auch die Ruine selbst näher gebracht wurde, diskutierte die spanisch-deutsche Gruppe, in den von der Gemeinde zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten, welche Vorbereitungen für die einzelnen Erfassungsmethoden erforderlich waren. So teilten sich dafür die Teilnehmer nach jeweiligem Interesse auf: Global Positioning System, Photogrammetrie mit Hilfe von Unmanned Air Vehicle, terrestrisches Laserscanning und Tachymeter.

Am nächsten Morgen ging es mit den Bussen los und allein der Hinweg war schon ein Erlebnis: Nach nur einer kurzen Strecke auf Asphalt bogen wir auf einen löchrigen Feldweg ab und durchfuhren unzählige, große Grundstücke, welche jeweils eingezäunt waren. Daher hieß es für uns jedes Mal: Einer aussteigen, Tor öffnen, Fahrzeuge durchlassen, Tor schließen, wieder eingestiegen. Der Hügel, auf dem die Ruine steht, war mit unseren Bussen gar nicht zugänglich. Es ging also zu Fuß mit dem Gewicht der Gerätschaften auf dem Rücken weiter. Das zu überwindende Gelände charakterisierte sich durch ein physisches Auf und Ab, einen Bachlauf der überquert werden müsste, ungewöhnlich viel Geröll und nochmal genau so viel Gestrüpp – aber eine phantastisch schöne Landschaft.

 

 

architektur
Architektur

Wir, die TLS-Gruppe, arbeitete mit dem Z+F Imager 5010 und Zielmarkentafeln. Die natürlichen Gegebenheiten an der Ruine, bestehend aus einigen Felsvorsprüngen sowie wucherndem Gebüsch mit vereinzelten Mandelbäumen, forderten die Teilnehmer heraus. Möglichst viel Oberflächenstruktur der Ruine war aufzunehmen, wobei gleichzeitig eine Sichtverbindung zu Zielmarken im Vor- und Rückblick herzustellen war. Da der Tachymeter auch einige unserer Standorte aufgenommen hat, konnten wir diese Daten mit in die Auswertung der Punktwolken einbeziehen. Dank des Workshops können die Archäologen das Kulturerbe nun ebenso mit neuen, geodätischen Informationen analysieren. Auch für mich hat es sich gelohnt, denn mit einem Sonnenbrand, neuen Kontakten und gesammelten Erfahrungen fuhr ich zurück nach Madrid - begleitet von dem Gedanken, dass in Mailand bestimmt auch noch ein paar Ruinen zu vermessen sind.

Zusammenfassend bin ich froh diese Chance wahrgenommen zu haben. Es half mir ungemein meinen fachlichen Horizont zu erweitern und bestätigte mich zudem in meinem angehenden Beruf. Das Ausland brachte mir nicht nur die Welt, sondern auch mein eigenes Bewusstsein ein Stück näher. Dafür möchte ich mich beim DVW recht herzlich bedanken.