Beim Sonnenuntergang im Meer sitzend, hinter sich der verlassene Strand vor dem von Glühwürmchen glitzernden Regenwald – so stellt man sich Studieren vor.

Bereits zu Beginn meines Bachelor-Studiums stand für mich fest, ein Semester im Ausland verbringen zu wollen und dabei eines der vielen Angebote des Akademischen Auslandsamtes für ein Auslandssemester wahrzunehmen. Es sollte eine englischsprachige Universität außerhalb Europas sein in einem Land, dessen Leben und Lehre mir noch weitestgehend unbekannt sind. Leider fand ich kein für mich passendes Programm weshalb ich beschloss, mich selbstständig an einer Wunschuniversität zu bewerben. Nach langer Suche und Durchkämpfen der Bürokratie durfte ich ein Semester an der University of the West Indies, Trinidad and Tobago, studieren.

In Trinidad angekommen wurde ich in meinem Wohnheim Milner Hall, eines der ältesten Wohnheime in St. Augustine und deshalb mit vielen Traditionen, sehr herzlich aufgenommen. Auch meine Kommilitonen waren sehr offen und so gab es bald viele Gelegenheiten zum „Limen“, dem Trini-Wort für „sich treffen“. Trinidad ist im Allgemeinen zwar kein Land, in dem man als offensichtlich Fremder alleine auf die Straße gehen sollte, nicht einmal zum Supermarkt einen Block weiter. Ich durfte jedoch fast nur nette Erfahrungen mit Einheimischen machen. Nach etwa einem Monat kannte man die Menschen und die Straßen gut genug, um auch auf eigene Faust am Markt Tomaten einkaufen gehen zu können.

Die universitäre Lehre an der University of the West Inides ist meiner Einschätzung nach mit der einer Fachhochschule zu vergleichen. Ich besuchte das zweite Semester in vier Kursen: Zunächst „Statistics“, um mein Englisch zu verbessern und den Stoff zu wiederholen. Der Kurs war sehr übersichtlich aufgebaut und beinhaltete den auch an meiner Heimatuniversität gängigen Stoff. Als zweites wählte ich „Geodesy“, um einen Einblick in die auf Trinidad relevanten Systeme und Besonderheiten zu bekommen. Mit kleinen Belegen wurde dort der Stoff gefestigt. Des Weiteren belegte ich „Photogrammetry“, ein für mich zu dieser Zeit neues Fach. Neben der Theorie wurden hier ebenfalls Belege bzw. Projekte ausgegeben, wie zum Beispiel ein ausgedachtes Stadtmodell aus Styropor und Cornflakespackungen zu basteln welches später als Modell für Fotografien zur Belegbearbeitung zur Verfügung stand.

Als viertes besuchte ich „Surveying 2“, welches so in Dresden nicht angeboten wurde. Dieses Fach beinhaltete neben den theoretischen Grundlagen zur Kataster- und Ingenieurvermessung auch eine topographische Geländeaufnahme eines Teils des Geländes des Uniklinikums. Hierzu durften wir Studierenden von der selbständigen Planung der Messungen über die diversen Mittwoche und Donnerstage in der heißen Sonne und dem gelegentlichen Regen bis zu der Planerstellung mit AutoCAD alle Tricks eines solchen Vorhabens selbst erfahren. Diese praktische Aufgabe hat mir wirklich sehr gefallen und war neben den Besonderheiten der trinidadischen Kultur ebenfalls ein ausschlaggebendes Kriterium, weswegen ich mich für diese Universität entschieden habe.

Aufgrund der kolonialen Vergangenheit leben etwa zur Hälfte indisch stämmige und zur Hälfte afrikanisch stämmige Menschen auf der Insel, was jedoch abgesehen von der Politik  kein Problem ist: es werden einfach die Feiertage beider Kulturen gefeiert. Neben dem indischen Holi war ein weiteres Großereignis der Carnival, für den Trinidad als Ursprungsland des Instrumentes Steelpan sowie der Musikrichtungen Calypso und Soca bekannt ist. Eine Woche lang wurde mit traditionellen Veranstaltungen in und um der Hauptstadt Port of Spain ausgelassen gefeiert und die ein Jahr lang vorbereiteten Kostüme und Musikstücke vorgeführt.

Da ich zur Trockenzeit im Land war konnten wir viele Ausflüge an die Strände Trinidads und Tobagos machen, dort kulinarische Köstlichkeiten wie Bake and Shark und Doubles essen, Wanderungen im Regenwald unternehmen, in den Süden des Landes reisen und auf dem Sando Hill die Aussicht genießen. Auch eine Fahrt mit dem Boot im Caroni Swamp konnte ich miterleben, sah den Pitch Lake mit dem größten natürlichen Bitumenvorkommen der Welt , lernte bei einer Star Party des Caribbean Institue of Astronomy den karibischen Sternenhimmel kennen und vieles mehr.

Ich kann jedem empfehlen einen solchen Auslandsaufenthalt wahrzunehmen und dabei vielleicht auch eigene Wege zu gehen. Dieses halbe Jahr in Trinidad durfte ich nicht nur neue Lehrinhalte genießen, sondern ich habe auch viele Freunde von den verschiedenen Inseln der Karibik, aus den USA und aus Kanada gewonnen.